Filmherz

Kritiken mit Herz und ohne Blabla

Kategorie: Indepentfilm

Mein Jahresrückblick 2015

Jetzt steht es wieder an, die obligatorische Liste. Da frage ich mich immer: Was hat mich wirklich umgehauen? Was waren die Überraschungen? Ach, das kam auch dieses Jahr?

Dieses Mal mit Serien. Jahresrückblick XXL praktisch.

Ich persönlich mag Jahreslisten von vielen Filmemachern, Kritikern und Podcastern und deswegen schreib ich auch jetzt, höchst subjektiv und längst kein Anspruch auf Vollständigkeit, einen Jahresrückblick. 2015 übrigens nach dem Richtdatum, wann die Filme in Deutschland veröffentlicht wurden.

Was sind eure Lieblingsfilme und Lieblingsserien dieses Jahr gewesen? Schreibt es in die Kommentare, interessiert mich brennend! Auch wenn ich etwas vergessen habe oder unbedingt noch ansehen soll. Her damit.

Außerdem war ich zu Gast beim wundervollen „Second Unit“ Podcast und hab da auch meine Jahreshighlights in die Welt gesprochen (ab 02:14:57): Second Unit Podcast

violentA Most Violent Year

Ein kleiner Thriller, der heute eigentlich nicht mehr in Hollywood gedreht wird. Doch selten einen spannenderen Film aus Amerika in der Dekade gesehen.  Das Achtziger Setting, welches so authentisch wirkt, als sei es ein vergessener Film der Achtziger. Das Schauspielergespann aus dem brillanten Oscar Isaac (Jep, Poe Dameron aus Star Wars) und Jessica Chastain („Interstellar“ oder „Der Marsianer“) brillieren und spielen sich gegenseitig an die Wand, dass diese komplett einstürzt. Stark!

Beasts Of No Nation

Ein mitreißendes und atmosphärisches Kriegsdrama, welches von Cary Fukunaga (Genau, der Regisseur von „True Detective“ Season 1) dicht inszeniert wurde. Idris Elba packt in die Rolle so viel rein, dass er die (bisherige) intensivste Leistung seiner Karriere abliefert.

Love 

Der neue Film von Gaspar Noé („Irrevisble“ und „Enter The Void“) zeigt eine Ode an die Liebe mit all ihren Höhen und Tiefen. Die Bildkomposition mit dem Soundtrack ergibt wohl die beste Romanze des Jahres. Ich hätte nie gedacht, dass Gaspar Noé so viel Gefühl und Sensibilität transportieren kann.

Ewige Jugend 

Paolo Sorrentinos Filme („La Grande Belleza“) sind wie Poesie. Und dieser Film ist nicht anders, die Altherren Michael Caine („Interstellar“) & Harvey Keitel („Reservoir Dogs“) sinnieren über das Leben. Sorrentino entführt uns wie einst Thomas Mann zum „Zauberberg“ und lässt uns darüber nachdenken, was Kunst und Privatleben bedeutet und was Zeit zu uns Menschen macht. Eine Spezies, die sich ihrem Tod bewusst ist. Der Film verpackt das ganze mit viel Charme, atemberaubenden Bildern und Musik. Pure Poesie zum Leben.

Alles steht Kopf

Seitdem Pixar von Disney gekauft wurde, hagelte es Fortsetzungen und irgendwie interessiert mich das alles nicht so. Aber mit „Alles steht Kopf“ hat Pixar geliefert und ein gefühlvolles, sentimentales Meisterwerk aus dem Hut gezaubert. Selten hab ich so viel im Kino geweint und meine Jugend wieder gefühlt.

Whiplash

Miles Teller („The Spectacular Now“) und J.K. Simmons („Ladykillers“) liefern sich eine Schlacht des Schauspiels, im Rausch des Schnitts und der Musik. Selten war ich so geplättet nach einem Kinogang und habe den Film so intensiv verfolgt, nein, mitgefiebert. Ein großes Drama, nicht nur für Jazz Fans!

Love & Mercy 

Was eine tolle an Biopic, 2 Zeitebenen zu zeigen und diese mit 2 verschiedenen Schauspieler John Cusack („Being John Malkovich“) und Paul Dano („There will be blood“). Auch hat mir das Biopic einen ganz anderen Blick auf die Musik der Beach Boys geben, wovon ich bis heute noch zehre und die Musik summe. Tolles Ding, was haften bleibt.

Victoria

Die deutschen Filme werden die letzten Jahre immer interessanter. „Victoria“ ist keine Ausnahme, in einem Take (in einem echten und nicht gefakt) gedreht.  Was wie eine Berliner Partynacht anfängt, endet in einem tiefen Rausch, aber nicht wie gedacht. Die Symbiose aus natürlichen Spiel und intensiver Kameraführung bringt den Film in eine andere Sphäre.

Mad Max – Fury Road

Der einzige (Realfilm) Blockbuster in meiner Auflistung und was für einer. Mit viel praktischen Effekten, einer unglaublichen Welt, starke Frauenrollen und ein treibender Score zeigt George Miller jungen Regisseuren wie es mit dem Actionblockbusterkino gehen kann. Ein tolles Actiondenkmal.

Wichtige Nennungen, die mir auch gefallen haben, es aber nicht ganz geschafft haben

Ex Machina

The Gift

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The Affair (Season 1 & 2)

Die Serie, die mit der simplen Prämisse einer Affäre anfängt und daran das Leben der Beteiligten auseinander fällt, klingt soaplastig. Doch durch geschickte Erzählweise der jeweiligen Perspektive vom verheiratenen Mann (Dominic West aus „The Wire“) und Affäre (Ruth Wilson aus „Luther“) und keiner Auflösung, was jetzt die allumfassende Wahrheit ist, wird das Medium Film an neue Grenzen gebracht wird. Der Zuschauer wird gefordert und muss selbst seine Schlüsse ziehen. „The Affair“ wird spielerisch eine der besten Serien der letzten Jahre hervorgezaubert.

Bloodline (Season 1)

Wie ein Mensch vom Guten ins Böse, Kriminelle fällt zeigt „Bloodline“ sehr gut. Der tolle Cast aus dem schwarzen Schaf der Familie Rayburn, Danny (Ben Mendelsohn „The Place Beyond the Pines“) und Sheriff John Rayburn (Kyle Chandler  „The Wolf of Wall Street“) ist stark und die hitzig heiße Atmosphäre in Florida spürt der Zuschauer zu jeder Sekunde.

Master Of None (Season 1)

Die männliche Version von „Girls“ von Aziz Ansari („Parks and Recreation„), eine Komödie über das Leben in einer amerikanischen Großstadt mit vielen multikulturellen Einflüssen als erfolgloser Schauspieler. Großartig witzige Dialoge gepaart mit einigen nachdenklichen Thematiken, z.B. Verhalten zu Eltern im jungen Erwachsenenalter.

True Detective (Season 2)

Der grandiose Cast (Colin Farrell, Amy Adams, Vince Vaughn) samt Stilistik von Nic Pizzolatto über die Darstellung einer korrupten Gruppe in Los Angeles begeistert. Die herrliche Komplexität und Charakterzeichnung überstrahlt die Dramaturgie recht häufig, aber genau das ist die Stärke der Serie und wird leider häufig missverstanden.

Show Me A Hero

David Simon (Macher von „The Wire“) gepaart mit Oscar Isaac (Genau, der wieder!) als Hauptdarsteller beschreibt den mühseligen Weg des jüngsten Bürgermeister des Landes Amerika sieht er sich in eine rassistische Kontroverse verwickelt, nachdem in seiner Stadt Sozialwohnungen innerhalb einer gut situierten Wohngegend gebauten werden sollen. Aktueller könnte der Inhalt nicht sein. Aber Obacht, der Inhalt wird fast als dokuartiges Stück wiedergegeben – das ist mühselig, aber halt ein Prozess, der auch beim Protagonisten einsetzt.

Fargo (Season 2)

Wow, was ein Cast, was für ein spielerischer Schnitt samt Musik. Die Handlung ist wie ein brodelnder Vulkan, der immer wieder austritt. Ein ganz großes Ding dieses Jahr. Season 1 hatte mich nicht so gepackt wie diese grandiose Season. Ein wundervolles Gangsterepos gepaart mit großartiger Atmosphäre und skurrilen Charakteren.

Mr. Robot (Season 1)

Die Überraschung dieses Jahr, die Serie mit Sam Malik, der einen Hacker mimt. Die Stilistik, die eine Mischung aus „American Psycho“ und David Fincher („Gone Girl“) Filmen gemimt mit einer atemberaubenden Kameraarbeit, die einmalig in der Serienlandschaft ist. Wer gedacht hat, Off Stimmen sind ein klassisches und verstaubtes Mittel, sollte sich hier mal die Verjüngungskur davon ansehen. Der Plot begeistert durch überraschende Wendungen und spannende Charakterentwicklungen. Übrigens darf man die Entdeckung Martin Wallström, in der Rolle von Tyrell, nicht zu vergessen. Wenn ihr die Season gesehen habt, dann wisst ihr warum.

 

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Mein Jahresrückblick 2014

Ich mag Jahreslisten von vielen Filmemachern, Kritikern und Podcastern und deswegen schreib ich auch jetzt, höchst subjektiv und längst kein Anspruch auf Vollständigkeit, einen Jahresrückblick. 2014 übrigens nach dem Richtdatum, wann die Filme in Deutschland veröffentlicht wurden.

Was sind eure Lieblingsfilme dieses Jahr gewesen? Schreibt es in die Kommentare, interessiert mich brennend! Auch wenn ich etwas vergessen habe oder unbedingt noch ansehen soll. Her damit.

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Hier nun meine Lieblingsfilme von 2014, ohne bestimmter Reihenfolge:

Like Father, Like Son 

Ein wunderschöner Film, der tief unter die Haut geht und eine poetische Bildersprache hat. Ein Plot, der sehr minimal ist, aber die Emotionalität der Protagonisten in den Vordergrund stellt. Die Überraschung des Jahres für mich, weil ich diesen Film nicht auf dem Schirm hatte.

Boyhood 

Ein Filmprojekt, was es in dieser Form noch nicht gab und die Leichtigkeit von Linklater zeigt. Ein Film, der für jede Zuschauergruppe, ob alt oder jung anders wahrgenommen wird. Auf genau diese Weise ist das Filmmedium was besonderes, was eben vielleicht nicht Musik oder Literatur verspüren mag, durch die visuellen und auditiven Änderung in der Zeit. Besonders schön war der subtile Wechsel der Zeit und den Verzicht auf Schrifttafeln.

Enemy

Ein Lynchfilm, denn Lynch nicht kreiert hat. Ein großartiges Werk von Denise Villeneuve, welches viel Raum zur Interpretation bietet und sich die Freiheit nimmt, nicht alles erklären zu müssen. Jake Gyllenhaal liefert eine atemberaubende Leistung ab und die verstörende Musik, Bildsprache und Schnitt tun ihr übriges.

Mommy

Xavier Dolan versteht es einfach auf Worte zu verzichten und das Medium Film voll auszunutzen. Seine Montageformen, Schauspielerführung und Einsatz von Schnitt ist so bemerkenswert, so unfassbar schön. Der Konflikt des unerziehbaren Jungen wird sehr schön emotional transportiert.

Stereo

Ein deutscher Thriller, der kompromisslos und spannend ist, dabei auch eine visuelle auditive Wucht bietet wie selten gesehen. Bitte mehr davon. Braucht sich nicht zu verstecken von der internationalen Konkurrenz.

Gone Girl

Wer mich kennt, weiss um meine David Fincher Leidenschaft und dieser Film war verdammt stark. Ich hatte das Buch nicht gelesen und war von der 2. Hälfte des Filmes sehr überrascht. Letztendlich war ich sehr froh, dass es kein klassisches Whodunit Sujet war, sondern viel weiter ging. Die Kombo Fincher + Reznor + Cronenweth gehen immer. Außerdem hat Rosamunde Pike gezeigt, was sie kann.

Nightcrawler

Ein düsterer Film mit einer meisterhaften Darstellung von Jake Gyllenhaal als psychopathischen Videoreporter. Die Leistung in diesem Film war so intensiv wie selten zuvor. Hier wird die Sensationsgeilheit der Medien auf die Spitze getrieben, aber viel wichtiger noch auch – teils sehr humorvoll – die Kritik an unserer Arbeitswelt. Uns zeigt der Film auf, wie lächerlich häufig keine Bezahlung erfolgt, sondern das Praktikum als Ausrede genommen wird, nicht bezahlt zu werden für den ach so tollen Lebenslauf.

Frank

Ein Indiefilm, der etwas anderen Art. Der Film persifliert die Indepentfilmkultur raffiniert und ist ein Film über Depressionen, aber nicht auf die Holzhammer Art, sondern subtil und einfühlsam. Die Musik ist hier zwar eher nebensächlich, aber was man hört klingt verspielt wunderbar. Domhnall Gleeson entwickelt sich zu einem charmanten Schauspieler, schon in dem wundervollen „Alles eine Frage der Zeit“ zeigt er auf charmante sein Schauspielspektrum.

Lego – Der Film

Wohl der einzige Blockbuster, der mich wirklich zu 100 % überzeugt hat, durch eine hohe Gagdichte, die funktioniert hat, der Film auch die Heldengeschichte mit Herz erzählt und eine tolle Botschaft für jung und alt bietet am Ende des Films. Die Regisseure und Drehbuchautoren Phil Lord & Christoph Miller sind momentan die spannendsten Newcomer Regisseure in Hollywood, weil sie es verstehen, Geschichten mit Herz zu erzählen und dabei einen tollen Metahumor aufziehen.

Citizenfour 

Eine wichtige Doku über Edward Snowden und viel wichtiger noch über die Aufdeckung der Methoden der NSA. Schaut sie euch an, jeder Internetbenutzer sollte sich genau diese anschauen.

Wichtige Nennungen, die mir auch gefallen haben, es aber nicht ganz geschafft haben

Sag nicht, wer du bist!

Alles eine Frage der Zeit

Edge of Tomorrow

Under The Skin

Nymphomaniac

Wolf of Wall Street

Who Am I

Stromberg: Der Film

Robin Hood

„Robin Hood“ erzählt die Geschichte in naher Zukunft einer Dystopie, in der die Deutsche National Bank (DNB) den Menschen ihre Immobilie, also Zuhause, wegnimmt, weil sie diese nicht bezahlen können. Der Vorstandschef der DNB Rainer Van Kampen stürzte Tausende Menschen ins verderben, indem er die Kleinanleger mit überteuerten Immobilien anlockte. Viele Menschen müssen deswegen auf der Straße schlafen und verarmen. Der Protagonist ist der Polizist Alex, er ist Sondermittler gegen die Machenschaften von Rainer Van Kampen.

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Die Schauspielerriege spielt grandios, der Film ist durch und durch ein klassischer Ensemble Film, wo es viele unterschiedliche und interessante Charaktere gibt. Besonders positiv zu erwähnen sind hier Thomas Thieme als DNB Vorstandschef Rainer Van Kampen, er spielt den machthungrigen Vorstandschef äußerst subtil und facettenreich, er ist nicht bloß der eindimensionale Bösewicht, sondern fügt sich dem System. Wer mich ebenfalls begeistert hat, war der Chef der Bande Ron, gespielt von Matthias Koeberlin, er spielt einen gewissenhaften, unterhaltsamen Chef einer Bande. Er hält die verschiedenen Charakter der Band im Gleichgewicht. Meine Lieblingsrolle und Charisma war die Rolle von Vinzenz Kiefer, der den skeptischen Part der Bande sehr schön ambivalent dargestellt hat, ohne zu nerven, was bei seinem Part leicht passieren kann. Hut ab dafür.

Das Drehbuch ist wundervoll, auf der einen Seite gibt es einen emotionalen Kern, der die Motive des Protagonisten klar zeigt und auf der anderen Seite ist der Film spannend, ohne mit der Action zu übertreiben. Die Botschaften und die kritischen Fragen werden von beiden Seiten beantwortet und sind schön facettenreich. Der Humor ist ebenfalls exzellenten ausgearbeitet, besonders die Rolle des Hackers Sergej Ibisuvitsch, gespielt von Stipe Erceg, ist zum Brüllen komisch. Ein rundes Drehbuch, was alles perfekt ansetzt. Vorallem ist die fiktionale Stadt und die Handlungen ein gute Parabel zu Thema der letzten Jahre wie Anonymous, Bankenkrise und die Occupybewegung. Zeitgenössischer kann ein Film nicht mehr sein.

Natürlich ist der Film nicht perfekt, da dieser Film in einer fiktiven Dystopie spielt, nimmt er einige Punkte des Realismus weg und ignoriert einige Dinge aufgrund der Dramaturgie. Doch das ist verschmerzbar, denn der Film baut eine intensive Atmosphäre auf und es fällt kaum bis gar nicht auf.

Ist „Robin Hood“ nun die Hoffnung des neuen deutschen Kinos oder ist es bloß eine hohle Kopie von Werken wie „The Dark Knight“ oder „Inception“?

Ich entziehe mich der Diskussion, weil der Film atmosphärisch und rund ist. Er ist sehenswert. Fakt ist, es spielen deutsche Schauspieler mit und hinter der Kamera sehen wir ebenfalls eine deutsche Crew. Der Film wird nicht in die Geschichte eingehen wie Fritz Lang „Metropolis“, aber er löst eine Diskussion über den Stand des aktuellen Deutschen Kinos aus und das ist nicht unbedingt schlecht. Ich wünsche mir mehr solche spannende Filme aus Deutschland und in Zukunft schau ich auf die nächsten Werke von Regisseur Martin Schreier.

Insgesamt ist „Robin Hood“ ein spannender und atmosphärischer Film, der ein tolles Schauspielensemble besitzt und eine zeitgenössische Geschichte rund erzählt.

Anmerkung: Der Film wird Ende des Jahres auf ProSieben laufen, die Version der Kritik bezieht sich auf die 100 Minuten Fassung, im Fernsehen wird eine 90 Minuten Fassung ausgestrahlt.

„Only God Forgives“

Der Regisseur Nicolas Winding Refn („Drive“) setzt nicht nur den Weg mit seiner minimalistischen Inszenierung und Charaktere fort, sondern treibt diesen Stil des, so will ich es nennen, Hyperfilm weiter fort. Ein Hyperfilm setzt fort wiegend auf Elemente der bewegten Bildern und atmosphärischen Sounds und streicht alle unnötigen Teile wie z.B. Dialoge oder zahlreiche Schnitte. In „Only God Forgives“ bekommen wir eine simple Rachehandlung geboten, diese wird jedoch nicht spannend oder mitfühlend erzählt. Ganz im Gegenteil, die Handlung wird reduziert auf das Nötigste, ebenso die Charaktere, sie sind nur noch bloße Hüllen ohne Inhalt. Sie haben keine Persönlichkeit oder bestimmte Charaktermerkmale.

Ein gutes Beispiel des Hyperfilms ist folgende Szene: Es werden 3 Herren engagiert den Bösen zu töten. Normalerweise würden wir das Briefing sehen mit verschiedenen Schnitten und einen Dialog hören oder sehen, wie die 3 Herren den Auftrag erhalten. Bei der Form des Hyperfilms sehen wir 3 uns fremde Personen Jacken anziehen, die Musik setzt mit bedrohlicher Spannung ein, SCHNITT, wir sehen die 3 Personen Waffen einpacken und mit dem Motorrad zum Ziel fahren.  Durch Musik und Kameraeinstellungen bekommen wir ein Gefühl, wer diese Personen sind, denn die Kleidung oder Personen zeigen uns nicht, welcher Partei sie angehören. Refn subtrahiert alles unnötige und belässt nur das Nötigste.

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Wie unsere Moralvorstellung ad absurdum geführt wird, zeigt die Figur des Bösewichten Chang, er ist ein Cop und wird von einer Ruhe und Gerechtigkeitssinn geleitet, die so radikal wie der Film selbst ist. Das ist recht ungewohnt für unsere Sehgewohnheit und bringt eine neue Dimension auf die Leinwand. Refn widmet nicht ohne Grund den Film dem surreallen Filmemacher Alejandro Jodorowsky („El Topo“), denn „Only God Forgives“ ist durch die eben besprochene Befreiung der Moralvorstellungen absolut surreal.

Als dramaturgischer Film scheitert „Only God Forgives“ auf ganzer Linie, denn wir können als Zuschauer nicht mit den Figuren fühlen oder Spannung in der Handlung spüren. Diesen Anspruch hat der Film auch gar nicht.

Hervorzuheben ist das Sounddesign bzw. Soundtrack des Filmes, der Film erhält seine Stimmung in vielen Szenen allein durch die exzellente Musik von Cliff Martinez. Wir kennen den Charakter nicht, der gerade auftaucht nicht und sie redet kein Wort, doch durch die Musik wissen wir: „Ok, das ist ein böser Charakter.“. Dieses Element der Charakterisierung wird in dem Film auf die Spitze getrieben wie ich es sonst nur in Stummfilmen gesehen habe. Ebenfalls stark ist die Kameraarbeit, Refn stilisiert auf dem gleichen Level wie auf „Drive“, aber wird teilweise sogar noch abstrakter durch Schatten- oder Farbenspiele. Häufig wird der Fokus des Bildes im Goldenen Schnitt oder puren zentrieren Raum gesetzt, dadurch erhaltet die Ästhetik des Bildes eine Perfektion, die man selten in filmischen Arbeiten sieht.

„Only God Forgives“ erinnert in seinen stärksten Momenten an David Lynchs „Blue Velvet“ mit einer minimalistischen Inszenierung. Ebenfalls erinnert die entschleunigte Erzählweise an Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ oder Hitchcocks „Marnie“.

Der finale Kampf zwischen Ryan Goslings Julian und dem Bösewichten Chang ist sehr erfrischend inszeniert. Wir haben hier extrem wenige Schnitte und klaren Überblick über beide Kämpfer. Der Ausgang des Kampfes und die Inszenierung ist so realistisch wie ich es selten zuvor in einer Kampfszene sehen konnte. Die Kampfchoreografie ist ebenfalls stark und beeindruckend realitätsnah und ausdrucksstark.

Wer also einen spannendes Rachedrama oder Rachethriller sehen will, ist hier fehl am Platze. Der Film ist purer Arthouse, nein noch viel mehr, er streicht das House und erhebt sich zum Kunstwerk. Dieser Film enttäuscht als spannender Film auf ganzer Linie, doch wie dieser Film das Medium Film an neue Grenzen der Wahrnehmung an uns Zuschauer treibt, ist spannend.

Dieser Film ist nichts für den klassischen Kinogänger, sondern eher für den klassischen Kunstliebhaber, der gerne Spiele mit dem Medium Film anschaut.