„Only God Forgives“

von stanleyhitchcock

Der Regisseur Nicolas Winding Refn („Drive“) setzt nicht nur den Weg mit seiner minimalistischen Inszenierung und Charaktere fort, sondern treibt diesen Stil des, so will ich es nennen, Hyperfilm weiter fort. Ein Hyperfilm setzt fort wiegend auf Elemente der bewegten Bildern und atmosphärischen Sounds und streicht alle unnötigen Teile wie z.B. Dialoge oder zahlreiche Schnitte. In „Only God Forgives“ bekommen wir eine simple Rachehandlung geboten, diese wird jedoch nicht spannend oder mitfühlend erzählt. Ganz im Gegenteil, die Handlung wird reduziert auf das Nötigste, ebenso die Charaktere, sie sind nur noch bloße Hüllen ohne Inhalt. Sie haben keine Persönlichkeit oder bestimmte Charaktermerkmale.

Ein gutes Beispiel des Hyperfilms ist folgende Szene: Es werden 3 Herren engagiert den Bösen zu töten. Normalerweise würden wir das Briefing sehen mit verschiedenen Schnitten und einen Dialog hören oder sehen, wie die 3 Herren den Auftrag erhalten. Bei der Form des Hyperfilms sehen wir 3 uns fremde Personen Jacken anziehen, die Musik setzt mit bedrohlicher Spannung ein, SCHNITT, wir sehen die 3 Personen Waffen einpacken und mit dem Motorrad zum Ziel fahren.  Durch Musik und Kameraeinstellungen bekommen wir ein Gefühl, wer diese Personen sind, denn die Kleidung oder Personen zeigen uns nicht, welcher Partei sie angehören. Refn subtrahiert alles unnötige und belässt nur das Nötigste.

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Wie unsere Moralvorstellung ad absurdum geführt wird, zeigt die Figur des Bösewichten Chang, er ist ein Cop und wird von einer Ruhe und Gerechtigkeitssinn geleitet, die so radikal wie der Film selbst ist. Das ist recht ungewohnt für unsere Sehgewohnheit und bringt eine neue Dimension auf die Leinwand. Refn widmet nicht ohne Grund den Film dem surreallen Filmemacher Alejandro Jodorowsky („El Topo“), denn „Only God Forgives“ ist durch die eben besprochene Befreiung der Moralvorstellungen absolut surreal.

Als dramaturgischer Film scheitert „Only God Forgives“ auf ganzer Linie, denn wir können als Zuschauer nicht mit den Figuren fühlen oder Spannung in der Handlung spüren. Diesen Anspruch hat der Film auch gar nicht.

Hervorzuheben ist das Sounddesign bzw. Soundtrack des Filmes, der Film erhält seine Stimmung in vielen Szenen allein durch die exzellente Musik von Cliff Martinez. Wir kennen den Charakter nicht, der gerade auftaucht nicht und sie redet kein Wort, doch durch die Musik wissen wir: „Ok, das ist ein böser Charakter.“. Dieses Element der Charakterisierung wird in dem Film auf die Spitze getrieben wie ich es sonst nur in Stummfilmen gesehen habe. Ebenfalls stark ist die Kameraarbeit, Refn stilisiert auf dem gleichen Level wie auf „Drive“, aber wird teilweise sogar noch abstrakter durch Schatten- oder Farbenspiele. Häufig wird der Fokus des Bildes im Goldenen Schnitt oder puren zentrieren Raum gesetzt, dadurch erhaltet die Ästhetik des Bildes eine Perfektion, die man selten in filmischen Arbeiten sieht.

„Only God Forgives“ erinnert in seinen stärksten Momenten an David Lynchs „Blue Velvet“ mit einer minimalistischen Inszenierung. Ebenfalls erinnert die entschleunigte Erzählweise an Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ oder Hitchcocks „Marnie“.

Der finale Kampf zwischen Ryan Goslings Julian und dem Bösewichten Chang ist sehr erfrischend inszeniert. Wir haben hier extrem wenige Schnitte und klaren Überblick über beide Kämpfer. Der Ausgang des Kampfes und die Inszenierung ist so realistisch wie ich es selten zuvor in einer Kampfszene sehen konnte. Die Kampfchoreografie ist ebenfalls stark und beeindruckend realitätsnah und ausdrucksstark.

Wer also einen spannendes Rachedrama oder Rachethriller sehen will, ist hier fehl am Platze. Der Film ist purer Arthouse, nein noch viel mehr, er streicht das House und erhebt sich zum Kunstwerk. Dieser Film enttäuscht als spannender Film auf ganzer Linie, doch wie dieser Film das Medium Film an neue Grenzen der Wahrnehmung an uns Zuschauer treibt, ist spannend.

Dieser Film ist nichts für den klassischen Kinogänger, sondern eher für den klassischen Kunstliebhaber, der gerne Spiele mit dem Medium Film anschaut.

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